Ich präsentiere mich, also bin ich !?

Fördern soziale Netzwerke im Internet einen Hang zum Exhibitionismus?

Es ist ein Thema, das schon seit Monaten durch die Medien geistert: die Selbstdarstellung im Internet. Während sich manche darüber beklagen, dass ihre Mitmenschen intimste Details enthüllen, finden andere, dass der Zwang zur optimalen Präsentation Menschen daran hindert, sich so zu geben wie sie wirklich sind.

„Es ist schwierig eine Grenze zu ziehen,“

sagt Anglistikstudentin Christina P. (Name von der Redaktion geändert)

„Wenn man heutzutage nicht im Internet ist, gehört man nicht dazu. Man kann sich zwar unter falschem Namen bei Facebook anmelden und keine Informationen dazuschreiben, aber das ist dann ja witzlos, weil einen niemand  mehr findet. Außerdem können Informationen, die heute harmlos erscheinen, in ein paar Jahren schaden, wenn sie dann noch im Netz stehen.“

Enthüllung?

Tatsächlich gibt es viele,  die besorgt sind, dass beispielsweise ihr zukünftiger Arbeitgeber aus ihren StudiVZ-Gruppen oder privaten Fotos negative Schlussfolgerungen über ihre Persönlichkeit ableiten könnte.

Im Gegensatz dazu kritisiert die Zeitschrift Neon in ihrem Artikel „Wir Facebook-Schauspieler“, dass bei der Kommunikation im Internet die Authentizität der Menschen leidet. Da man sich immer bewusst sei, viele Mitleser zu haben, stehe man stets unter dem Zwang, sich von seiner besten Seite zu zeigen. Zudem sei Aufmerksamkeit in diesem Raum ein rares Gut, um das sich viele bemühten. Um möglichst bei all seinen „Freunden“ gut anzukommen, müsse man ein umkompliziertes, oberflächliches Bild seiner Person präsentieren.

„Das klingt eigentlich ganz plausibel, aber ich glaube, viele - auch private oder unvorteilhafte - Angaben sind überraschend ehrlich. Wer im richtigen Leben lügt, macht das vielleicht auch im Web, aber… der natürliche Mitteilungsdrang überwiegt da sicher. […] Wahrscheinlich läuft es meistens auf Beschönigungen hinaus, aber es ist ja irgendwie normal, dass man sich immer im besten Licht präsentieren will,“

meint dagegen der Geschichtsstudent Ulfgard L. (Name von der Redaktion geändert).

Im Großen und Ganzen erzählen die meisten Leute im Internet wohl nicht mehr oder anderes über sich, als das, was sie unbekümmert über die potenzielle Mithörerschaft im Bus berichten. Besonders kuriose Beispiele wie das eines Ehepaars, das Ultraschallaufnahmen ihres noch ungeborenen Kindes ins Internet stellten,  bleiben da eher die Ausnahme. Zudem ist fraglich, ob sich die Außenwelt überhaupt für all die Informationen interssiert, die der Durchschnittsnutzer bei StudiVZ oder Facebook präsentiert. Nicht zuletzt soll es auch Chefs geben, sich auch ohne Patyfotos denken können, dass ihre jungen Mitarbeiter gelegentlich feiern gehen.

Trotzdem Vorsicht

Die Brisanz der im Internet gespeicherten Informationen liegt sicher darin, dass sie nicht vollständig löschbar, beziehungsweise -  mit den entsprechenden Mitteln - jederzeit rekonstruierbar sind. So ist es auch für übelwollende Personen, ohne weiteres möglich nach belastenden Informationen zu suchen. Daher ist es dringend empfehlenswert, sich an die Faustformel zu halten, wonach man im Internet nichts über sich verbreiten sollte, das nicht auch der schlimmste Feind ergooglen dürfte.
Klare Richtlinien gibt es trotzdem nicht: Mit dem Geschenk der persönlichen Mitteilungsfreiheit geht daher die Pflicht zur Selbstverantwortlichkeit zwingend einher. Der einzige  sichere Weg führt nur in eine Richtung - nämlich schnurstracks an jedem sozialen Netzwerk vorbei. Der Preis ist freilich den meisten zu hoch - man will sich ja noch darstellen dürfen.