Schöne neue Lesewelt ?!

Warum die Krise des digitalen Buches schon bald vorbei sein könnte… (von Matthias Spieth)

E-Book hin oder her -  das Buch hat als klassisch analoges Medium noch immer die Nase vorn. Warum eigentlich? Und wie lange bleibt das noch so? Wir stellen zwei Meinungen gegeneinander.

Es ist knapp zehn Jahre her, da sollten elektronische Bücher ein Zeitalter einläuten, in dem Buchläden und Bücherregale überflüssig sind. Stattdessen kam der große Flop: Die Nachfrage war durch mangelnden Lesekomfort gering, die wenigen verfügbaren Lesegeräte technisch unausgereift, Printverlage knüppelten das Konzept nieder, um konkurrenzlos zu bleiben, Anbieter zogen sich zurück. Der Traum vom E-Book - wie die New-Economy-Blase selbst - geplatzt.

Innovation belebt die Branche

Aber Totgesagte leben bekanntlich länger, und das vor allem dank technischer Innovation: Zuletzt bereicherten gleich mehrere  Hersteller den Markt um Modelle ihrer sogenannten E-Book-Reader. Mit dem „Kindle“  versucht Versandmonopolist Amazon durch neuartige Technik und bessere Zugänglichkeit Leser vor den Bildschirm zu locken. Nun ist das Multitalent iPad, von Apple gewohnt cleverbeworben, auf dem Markt und spaltet die Gemüter – tritt aber in jedem Fall den nächsten Hype los. Das wird auch dem Verkauf von E-Books einen Schub verpassen. Parallel mehren sich die Angebote an digitalisierten Büchern auch für den gewöhnlichen Heimrechner.

Mobilitätsvorteil E-Book

Soviel zur jüngeren Erfolgsgeschichte des E-Books. Aber welche Argumente sprechen eigentlich für das Ding? Da wäre zum einen der Mobilitätsvorteil. Natürlich liegt so ein Taschenbuch besser in der Hand als jedes Lesegerät. Spätestens beim nächsten Umzug drängt sich jedoch die Frage auf, ob statt den 15 Kartons voller  Groschenromane, der eigene Laptop oder ein handlicher Reader nicht die rückenfreundlichere Lösung wäre. Beide bieten Platz für eine praktisch unbegrenzte Anzahl digitaler Bücher. Zweitens der Kostenvorteil. E-Books sind tendenziell günstiger als ihre gedruckten Pendants, im Falle von urheberrechtsfreien Texten sogar kostenlos. Im Gegensatz dazu zahlt man auch für einen rechtsfreien Reclam-Klassiker noch einige Euro. Dabei dürften die Preise in Zukunft noch sinken, wenn der Konkurrenzkampf zwischen den Anbietern größer wird. Drittens ist das E-Book  nicht mehr bloß als digitalisierte Kopie eines traditionellen Buches zu begreifen, sondern eröffnet ganz neue Möglichkeiten der Handhabung und Interaktion, etwa durch Suchfunktionen. Viertens: Durch neue Technik im Bereich der E-Book-Reader steigt der Lesekomfort immer mehr.

Die Zeiten, in denen man nach 30 Minuten vor dem Bildschirm mit Kopfschmerzen kapitulierte, sind vorbei – vorausgesetzt man investiert in ein designiertes Lesegerät. Fünftens: Auch die großen Verlage haben das Potenzial des E-Books erkannt: Es spart Kosten in der Herstellung wie im Vertrieb – paper is money! Somit wird das Angebot in Zukunft stetig wachsen. Das gilt vor allem für Fachpublikationen, die schon jetzt in 30% aller Fälle nur noch als E-Book erscheinen.

Nächster Roman in 3,2,1…

Schließlich fallen Umstände und Verzögerungen bei Versand und Bestellung gänzlich weg, da die online beziehbaren Bücher innerhalb weniger Sekunden zur Verfügung stehen. Ein Vorteil, dem selbst die respektablen Expressbestellungen guter Buchhandlungen nichts entgegenzusetzen haben.

Fakt ist: Das E-Book hat in punkto Benutzbarkeit, Komfort und Rentabilität ein hohes Niveau erreicht. Die Frage ist daher nicht mehr, ob, sondern wie schnell der digitale Schmöker den Durchbruch zum Massenprodukt schafft.

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… oder: Warum es sich trotzdem noch lohnt, richtige Bücher zu kaufen (von Helen Scheunig)

Kennt Ihr diese Menschen, die in einer Buchhandlung ihre Finger ehrfürchtig über ein Buch streifen lassen, als wäre es ein heiliges Relikt aus grauer Vorzeit? Die selbst den Duft eines Buches zu schätzen wissen, als wäre es ein teures Parfum? Ich gestehe es, auch ich gehöre zu diesem Personenkreis. Buchhandlungen sind folglich mein kleines Paradies auf Erden, in dem ich meine Seele baumeln lassen kann. Doch wie lange noch?

Buchhandlungen vor dem Aus?

In Zeiten, in denen eine technische Neuerung die ander jagdt und das gedrucke Wort immer mehr verdrängt wird, haben Buchhandlungen einen immer schwereren Stand. Ersetzt durch E-books. Die preiswerte und platzsparende Alternative, so die Befürworter.

Statt vor Buchhandlungen zu campen und um Mitternacht den druckfrischen Harry Potter zu  erstehen, kann man dies nun bequem von zu Hause erledigen. Nur wenige Klicks und somit keine großen Wartezeiten mehr. Ob Geschäftsreise oder Urlaub – kein lästiges Geschleppe mehr. Bis zu 150 digitale Bücher kann man mit einem E-Book Reader speichern.  Endlosen Entscheidungen darüber, welches Buch zur Urlaubslektüre erklärt wird und welches zu Hause bleibt, sind passé.

Konservierte Lesezeit

Die genannten Vorteilen überzeugen mich dennoch nicht. Für mich sind Bücher auch konservierte Lesezeit. Jedes einzelne meiner Bücher erinnert mich an eine bestimmte Zeit in meinem Leben, mit der ich bestimmte Gefühle verbinde.
Das Lesen hinterlässt seine Spuren, nicht nur im Emotionalen, sondern eben auch sichtbar auf dem Papier. Man muss sich nur die eigenen oder auch die geliehenen Bücher aus dem Bücherschrank herausgreifen: Wie, was und wo unterstrichen wurde. Dünn oder heftig. Ausrufezeichen, Fragezeichen, Smileys am Rand, all das verkommt, wenn man im E-Book etwas unterstreicht, zu einem öden, nicht aussagendendem Strich.

Die Faszination eines traditionellen Buches liegt meiner Meinung nach gerade darin, dass es so viele Sinne reizt: Wie sich das Papier anfühlt, wie die Druckerschwärze riecht, wie sie gefärbt ist.

Auch die wirtschaftlichen Vorteile mit denen Befürworter argumentieren, überzeugen mich nicht. Druckkosten entfallen und somit können Jungautoren ihre Bücher online veröffentlichen.  Kein Drucken, kein Binden, kein Ausliefern mehr: Die physische Dimension des Handelns mit Büchern verschwindet hier völlig. Hört sich zunächst alles sehr positiv an. Da diese Leistungen dann aber auch nicht mehr bezahlt werden müssen, entgeht Verlagen und Buchhandlungen ein gewichtiger Teil ihrer Einnahmen. Illegale Downloads könnten die finanziellen Einbußen in Zukunft noch weiter steigern. Die ohnenhin schon bestehende Krise des Buchhandels könnte sich also weiter ausweiten.

Treue zum Papierbuch

Auch ich als Liebhaberin des gedruckten Wortes weiß natürlich, dass man technische Entwicklungen nicht aufhalten kann und diesemanchmal auch hilfreich sein können. Aber man muss eben nicht bei jeder Neuerung mitmachen. Und deshalb werde ich auch weiterhin in Buchhandlungen stöbern und zu meinen geliebten Papierbüchern greifen. Denn für mich gehören Medium und Inhalt untrennbar zusammen.